Anna, 36, ist verzweifelt. Seit vier Jahren hat sie ein Verhältnis mit Jan, 42. Ihre Beziehung ist wunderschön und harmonisch – jeder scheint die Gedanken des anderen ahnen zu können. Bei Jan fühlt sie sich geborgen. Schon als sie ihn zum ersten Mal sah, hatte sie das Gefühl, ihn seit Urzeiten zu kennen und sich gänzlich bei ihm fallenlassen zu können. Eine solche innere Übereinstimmung hatte sie vorher noch nie erlebt. Und erst die gemeinsame Erotik…
Wenn da nicht ein kleiner Schönheitsfehler wäre: Jan ist verheiratet! Anna jedoch hat beharrlich darauf gewartet, dass er sich für sie entscheidet. Schließlich ist er doch ihr Seelenpartner – davon ist sie fest überzeugt.
Heute aber hat er ihr mitgeteilt, dass er mit seine Ehe retten möchte und Sabine Verständnis dafür zeigen soll, dass er sie vorläufig nicht mehr sehen will. Einfach so, per SMS. So grob hat Jan sonst nie mit ihr kommuniziert – die junge Frau empfindet jedes Wort wie eine Ohrfeige. Ganz erschüttert ruft Anna ihre Freundin Kathrin an. Kathrin aber beschwichtigt sie und glaubt den Grund für Jans Verhalten zu kennen: in karmischen Beziehungen sei Leiden vorprogrammiert, da fände man nur schwer zueinander…
Was bedeutet Karma?
Das Meinungsportal „Sozioland“ hat unlängst eine Umfrage zur Akzeptanz von esoterischen Gedanken in der Gesamtbevölkerung gestartet. Auf die Frage „Glauben sie, dass unser Leben vom Schicksal bestimmt ist?“ antworteten mehr als die Hälfte der Befragten mit Ja. Über 65% der interviewten Frauen waren der Meinung, dass unsteuerbare Faktoren maßgeblich in ihr Leben eingreifen, während nur 42% der Männer diese Ansicht teilten. Nur 7% der Frauen meinten, das Schicksal spiele gar keine Rolle in unserem Dasein, gegenüber 22% der Männer, die die Vorstellung eines unabwendbaren Schicksals grundsätzlich als Unsinn abtaten.
Was bedeutet dieser weit verbreitete Glaube ans Schicksal aber konkret? Wir sprechen heute von Schicksal, wenn wir Unerwartetes, Unkontrollierbares und oft auch Unverdientes meinen. „Schicksal“ (destinatio) bedeutete in der Antike ein Ziel oder eine zielgerichtete physikalische Entwicklung, so wie ein abgeschossener Pfeil oder eine Kettenreaktion, wenn Dominosteine fallen. Als schicksalhaft bezeichnete man also die Situation, wenn man plötzlich mit der Spätfolge einer Entscheidung konfrontiert wurde, die man vor langer Zeit – vielleicht ohne die Konsequenzen zu bedenken – getroffen hatte.
Man entscheidet sich zum Beispiel für einen Arbeitsplatz, der näher am Wohnort liegt, und muss kurz darauf täglich 90 Kilometer weit zu einer anderen Stelle fahren, weil diese Firma Konkurs anmeldete: das ist das vorläufig letzte Glied einer Kettenreaktion, die zum Zeitpunkt der Entscheidung einfach nicht abschätzbar war. Ein anderer Aspekt des Schicksals war traditionell auch das „fatum“, wörtlich das von den Göttern Geschenkte. Ein „fatum“ war immer unausweichlich. Die griechischen Tragödien, die stets in Blut, Schweiß und Tränen und einem hohen Verschleiß an toten Hauptdarstellern endeten, hatten eben diese Unausweichlichkeit des Schicksals zum Inhalt. Die Tragik liegt gerade darin, dass der Held oder die Heldin alles versucht, um dem Schicksal zu entkommen, und sich dadurch nur immer mehr verstrickt: Ödipus will dem Orakelspruch entgehen, seine Mutter zu heiraten, flüchtet vor dem Schicksal – und läuft ihr direkt in die Arme.


















