Wer wünscht sich nicht, ewig jung zu bleiben, sich täglich über Neues zu freuen, mit Spannung in den kommenden Tag zu gehen? Insbesondere unsere Beziehung soll ein Quell von Innovation sein, doch oft versiegt er zu schnell und wird zum stagnierenden Gewässer, in dem alte Konflikte, Selbstzweifel und Entfremdung brodeln. Die große Herausforderung an Liebende heißt reifer zu werden – und dennoch gemeinsam jung zu bleiben. Wir verraten Ihnen, wie…
Beziehungen in der Krise
Stellen Sie sich vor, auf einer idyllischen Blumenwiese steigen erschöpfte ältere Menschen in ein dampfendes kräuterduftendes Bad im luxuriösen weißen Marmorbottich – und entschweben ihm auf der anderen Seite rank und schlank als junge Teenager…Nein, das ist keine Werbung für die neueste Schönheitsfarm, Wellness- oder Ayurvedaklinik, auch wenn diese Zielvorgaben ähnlich sind.
Der „Jungbrunnen“ ist ein altes Thema unserer Kulturgeschichte: die Vorstellung, mühelos Jahrzehnte an Beschwernis, Kummer, Krankheit und Alter abzuwerfen, hat die Menschen schon zu allen Zeiten fasziniert. Dass diese zeitlos wünschenswerte Verwandlung ausgerechnet durch ein Bad geschehen soll, hat eine religiöse Beibedeutung, denn das Eintauchen in Wasser galt allgemein als persönlichkeitsstärkend und kathartisch (reinigend) – man denke nur an die christliche Tauftheologie. Das Bad soll den „alten Menschen“ abspülen und den „neuen Menschen“ zum Vorschein kommen lassen, was sich auf die schöne Erscheinung, aber auch auf die Seele bezog. Im Orient (Koran) wie im Okzident (Bibel) sehnte man sich nach äußerer und spiritueller Erneuerung, träumte vom verjüngenden und geistig erneuernden Bad, auch in der bildenden Kunst war es ein populäres Thema: der mittelalterliche Maler Lucas Cranach hat den Jungbrunnen gemalt. Doch lassen wir nun aber die Beautyträume des Mittelalters beiseite, denn was hat das alte Wunschbild des Jungbrunnens mit ganz aktuellen Beziehungsschwierigkeiten zu tun? Auf den ersten Blick sicher nicht viel, doch auf den zweiten Blick gibt es einige Parallelen.
„Ewig jung“ ist leider niemand, allen Versprechungen der Werbung und mystischen Sinnbildern zum Trotz, auch menschliche Beziehungen altern genauso, wie Personen das tun. Ein typisches Kennzeichen einer in die Jahre kommenden Beziehung ist der Verlust von im psychologischen Sinne „jugendlicher“ Kennzeichen, von Neugier, Spannkraft, Humor, Intensität, Verlangen – und das führt nicht selten über die Langeweile zur Entfremdung bis hin zum Trennungsfall. Die Zeit, ein natürlicher Feind der Liebe? Fast scheint es so. Die seit Jahren steigende Scheidungsrate in Deutschland wird zumindest von Paartherapeuten auf diesen natürlichen, jeder Verbindung innewohnenden Alterungsprozess von Beziehungen und auf unrealistische Erwartungen an die Ehe zurückgeführt. Merken wir uns: eine gewisse Gewöhnung und Routine ist einfach normal, auch wenn dies in einer beschleunigten, nach Neuem strebenden Spaßgesellschaft nicht gern akzeptiert wird. Psychologen raten uns, diese Realität mit einem Augenzwinkern anzuerkennen, denn in einer Partnerschaft gibt es nicht nur Glück und Innovatives, sondern auch Krisen und Streit. Doch diese Gegebenheit hinzunehmen, fällt uns oft sehr schwer.
Die Liebe leidet meist, wenn der Alltag stressbedingt eine zu große Rolle spielt: Geldsorgen, Berufsprobleme, gesundheitliche Einschränkungen und Mobbing im Job werden zunehmend als Gründe genannt, weshalb die Partnerschaft mit der Zeit nicht mehr als erquickend und impulsierend, sondern eher noch als eine zusätzliche Belastung empfunden wird. Das ist es, was den Satiriker Kurt Tucholsky in den goldenen Zwanzigern spöttisch berlinern ließ: „und darum wird beim happy end im Film jewöhnlich abjeblendt“. Wir wissen, dass nach einem schönen Beginn zwei Liebende oft schlimmen Krisen und Zerreißproben ausgesetzt sind. Der Film hört gewöhnlich dort auf, muss dort aufhören, qua Traumfabrik – doch das Leben macht weiter. Und unsere Bereitschaft, uns im Krisen- und Ermüdungsfall wirklich zu trennen, wird höher. Die Trennungsbereitschaft steigt mit der Zeit, oft auch deshalb, weil man eher aus der Beziehung „aussteigen“ kann als aus den beruflichen Notwendigkeiten. Kinder werden zudem heute nicht mehr als Scheidungshindernis angesehen – schon die Hälfte der im Jahr 2001 geschiedenen Ehepaare hatte junge Kinder unter 18 Jahren. Insgesamt waren so schon über hunderttausend minderjährige Kinder von der Trennung ihrer Eltern betroffen. Diese Statistik des Wiesbadener Bundesamtes weist auch auf Unterschiede in den einzelnen Bundesländern hin: in Ostdeutschland scheinen Beziehungen krisenfester zu sein als im Westen.










