Der Partner gesteht einen Seitensprung, die Kollegin spinnt hinterrücks eine bösartige Intrige, die beste Freundin plaudert ungeniert ein intimes Geheimnis aus – und plötzlich gerät der gesamte Alltag ins Wanken. Ganz klar: Betrogen, hintergangen und verletzt zu werden, tut weh. Man ist wütend auf die blutjunge Blondine, mit welcher der Liebste durchgebrannt ist. Man ist enttäuscht von der Kollegin, die in der Früh zwar immer so nett „Guten Morgen“ sagt, heimlich aber bei allen anderen – inklusive dem Chef – über einen lästert. Und man ist traurig, dass die vermeintlich beste Freundin überall herumerzählt, wie man sich die perfekte Liebesnacht vorstellt.
So sehr es auch schmerzt, von den liebsten Menschen im Leben enttäuscht zu werden, von den Menschen, für die man selbst alles getan hätte – man wird krank, wenn man nicht verzeiht. „Der Groll, die Wut, die Bitterkeit und die Unversöhnlichkeit nagen an der Seele und versetzen uns in einen chronischen Spannungszustand“, weiß die psychologische Beraterin und Buchautorin Beate Weingardt (www.beate-weingardt.de). Der Körper wehrt sich und reagiert darauf mit seinem fest installierten Alarmprogramm: So schnellt zum Beispiel der Blutdruck in die Höhe, die Herzfrequenz steigert sich, die Muskeln spannen sich an oder der Magen-Darm-Trakt leidet. „Das Ausschütten der Stresshormone bedeutet ein extremes Risiko für unsere Gesundheit, weil es unser Immunsystem angreift und schwächt“, warnt Weingardt und verweist dabei auf entsprechende Ergebnisse von Langzeit-Studien. Doch damit nicht genug: Laut einer Untersuchung sei eine feindselige Einstellung anderen Menschen gegenüber der gewichtigste Faktor für einen frühzeitigen Tod.
Warum das Vergeben so wichtig ist
Nichtverzeihen ist also „stressig“ – auch, wenn man sich dessen in vielen Situationen gar nicht so bewusst ist. Denn Gehirn-Forscher haben herausgefunden, dass der Mensch am glücklichsten ist und am besten „funktioniert“ – sowohl geistig, seelisch als auch körperlich –, wenn er in harmonischen Beziehungen lebt. „Die viele Energie, die wir für das Nachtragen von anderer Leute Sünden brauchen, könnte viel sinnvoller eingesetzt werden“, bringt es die Expertin auf den Punkt, „sonst fehlt uns die Power für die täglichen Aufgaben des Lebens.“ Sie fehlt uns für Menschen, mit denen wir leben und arbeiten, die wir lieben und schätzen – und die wir nicht vernachlässigen sollten. Insofern ist es laut Weingardt sogar eine Form der bewussten Liebe zu sich selbst und zu seinen Nächsten, durch Verzeihen langfristig Frieden in die Seele einkehren zu lassen.
Wer von Herzen vergibt, dem fällt sprichwörtlich ein „Stein vom Herzen“, diese tonnenschwere Last wandelt sich in ein unbeschwertes Gefühl. Sogar wissenschaftliche Forschungen belegen, dass man dabei eine große Erleichterung verspürt und sich auch mögliche, bereits eingetretene, körperliche Beschwerden deutlich bessern – und langfristig gesehen oft sogar ganz verschwinden. Man ist selbstbestimmt, fröhlicher und ermöglicht so einen Neubeginn. „Wer verzeiht, gibt dem anderen die Möglichkeit, einen neuen Schritt in der Beziehung zu gehen“, so die psychologische Beraterin. Dadurch können sogar Beziehungen, die durch Nicht-Vergeben bereits „totgelaufen“ waren, wieder belebt werden.










