Warum bedingungslose Ehrlichkeit auch nicht immer weiterhilft.
Wie ein echter Gentleman hilft er ihr aus dem Mantel. Er macht ihr Komplimente, lacht über ihre Witze und plaudert interessiert über ihren Job. Er erzählt von seinem Lieblings-Restaurant, seinem Hund und seiner Modellauto-Sammlung. Und während er ihre funkelnden Augen bewundert, schenkt sie ihm ein verführerisches Lächeln. Auch wenn die beiden Städter nur wenige Hobbys miteinander teilen, haben sie doch eines gemeinsam: Sie schweigen darüber, dass sie Angst davor haben, alleine zu bleiben. Und dass sie auf keinen Fall wieder einen Partner möchten, der so eifersüchtig und besitzergreifend ist, wie jener aus der vergangenen Beziehung. „Würde ich mich verhalten, wie ich wirklich bin, dann würde ich ihn in die Flucht schlagen“, denkt sich Sabine. Die 36-jährige Bankkauffrau hat den smarten Rechtsanwalt Paul eben erst zufällig in einer Bar kennen gelernt und sich sofort hinter einer Maske versteckt. „Ihr Verhalten ist völlig normal“, klärt Psychologe Dr. Wolfgang Hantel-Quitmann auf, der kürzlich ein Buch zum Thema auf den Markt brachte („Die Masken der Paare“, Herder). „Wir brauchen Schutz für den Umgang mit unseren Gefühlen. Denn unbewusst fürchten wir uns davor, dass wir uns Hals über Kopf verlieben und dann enttäuscht und verlassen werden.“ Mit Masken der Gleichgültigkeit, Souveränität oder Unabhängigkeit beruhigen wir uns selbst. Ohne diesen Schutz wären viele Verletzungen und Krisen noch viel schwerer zu ertragen, als sie ohnehin schon sind. Doch wir überlegen nicht nur, wie wir Ängste kaschieren können, sondern auch, wie wir auf den potentiellen Partner wirken wollen – nach diesen beiden Kriterien wird das Kostüm für das erste Date ausgewählt.
Die nackte Wahrheit ist eiskalt
Jede Beziehung beginnt also mit einer Mogelpackung. Einem Trugbild. Einer Illusion. „In der Phase der akuten Verliebtheit ist es unmöglich, das Spiel zu durchschauen“, so der Experte weiter. Erst mit der Zeit beginnen wir, das wahre Gesicht des Partners zu erkennen, denn dieser gibt häppchenweise immer mehr von seiner echten Persönlichkeit preis. Während zu Beginn einer Partnerschaft oberflächliche Masken wie das Styling oder die Sprüche im Vordergrund stehen, rückt später Intimität ins Zentrum. Doch da tut sich schon das nächste Dilemma auf: Wir wollen den Liebsten zwar mit allen Facetten kennen, fürchten aber, dass er uns enttäuscht, sobald er die Masken fallen lässt. „Es tut unheimlich weh, wenn wir dann feststellen, dass die Welt nicht so ist, wie wir sie uns gedacht oder gewünscht haben – dass der andere uns doch nicht so liebt, wie erhofft. Und dass wir selbst gar nicht so toll sind, wie wir immer gedacht haben“, schildert Hantel-Quitmann. Das Jonglieren mit den „falschen Gesichtern“ fordert uns also jeden Tag aufs Neue heraus. Und es ist auch in einer langjährigen Partnerschaft keinesfalls von Nachteil, dem anderen hie und da etwas vorzuspielen: die Glückliche zu sein, obwohl man miese Laune hat oder den Liebsten fürsorglich gesund zu pflegen, während man seine Wehleidigkeit belächelt. „Die nackte Wahrheit kann ganz schön brutal sein“, erklärt der Autor. „Wenn wir uns immer schonungslos sagen würden, was wir meinen, hätten beide ordentlich einzustecken.“










