Barbara (38) fand es ganz normal, dass ihr Freund Andreas (42) nach einem anstrengenden Tag in der Firma erst einmal in seinem Arbeitszimmer verschwunden ist, um noch ein wenig im Internet zu surfen. Auch, als aus einer halben Stunde allmählich eine volle Stunde wurde, zuckte sie lächelnd die Achseln. „Ich bin nicht kleinlich“, sagt die attraktive Verwaltungsangestellte, „ich verstehe, dass er erst einmal „runterkommen“ muss, wenn er wieder einen stressigen Tag hatte. Als Selbständiger ist er in seinem Beruf ja viel größeren Belastungen ausgesetzt als ich mit meinem vergleichsweise sicheren Job.“
Nach und nach fing Andreas jedoch an, sich in seiner Freizeit regelrecht zu verschanzen. Das gemeinsame Abendessen fiel immer häufiger aus, weil er angeblich zuhause noch etwas Dringendes für die Firma zu erledigen hatte. Barbara wartete immer häufiger an dem gedeckten Tisch, während Andreas im Internet recherchierte. „Ich kam mir vor wie die Mutter eines Teenagers“, seufzt sie, „den man zigmal zum Essen rufen muss. Mit der Zeit habe ich es aufgegeben und allein zu Abend gegessen. Was mich am meisten ärgerte, war jedoch, dass es gar keine hochwichtigen Firmenrecherchen gab. Andi saß nur lustlos vor dem Bildschirm und lud irgendetwas runter.“
Woche für Woche mutierte der einst so aufgeschlossene Vierziger mehr zum Eremiten. Wenn Freunde des Paares anriefen, um sie zum Wandern oder zum gemeinsamen Saunagang einzuladen, war es immer häufiger Andreas, der Ausreden erfand, um nicht teilnehmen zu müssen. Barbara bemerkte, dass ihr Partner immer gereizter wurde. Sie wurde sich unsicher: handelt es sich um eine harmlose Krise, um eine Mischung aus Berufsstress und einer emotional nicht mehr taufrischen Langzeitbeziehung oder steckt doch mehr dahinter?
Woher kommen psychische Störungen?
Für psychologische Laien ist es schwierig bis unmöglich, tatsächliche Störungen richtig zu diagnostizieren. Insbesondere bei Personen, die uns nahe stehen, fällt uns eine Diagnose schwer, da diese neben den Fachkenntnissen auch eine persönliche Distanz voraussetzen würde, die ja gerade im Nahbereich von Familien- und Liebesbeziehungen nicht existiert. Auch sollte man sich davor hüten, „die paar Probleme“ voreilig als Ausdruck von psychischen Störungen zu interpretieren.
Mit einem solchen Verhalten kann man den Partner unter Umständen massiv verletzen und die weitere Kommunikation erschweren. „Muffelig sind Männer ja häufig“, lacht Barbara, „ihre Kommunikationsweisen sind einfach nicht so ausgeprägt wie bei uns Frauen. Frauen haben ja ein stärkeres Sprachzentrum im Gehirn und sind insgesamt kommunikativer, das weiss man heute schon. Ich finde, man soll hier nicht gleich übertreiben. Wenn jeder Mann gleich psychisch gestört wäre, wenn er mal einsilbig wird, gäbe es wohl kaum noch normale.“
Das ist wohl richtig, aber zur Erkennung von Störungen gehört auch eine kritische Aufmerksamkeit gegenüber Veränderungen im Verhalten. Was Barbara beunruhigte, war ja keinesfalls die männertypisch eher reduzierte „Kommunikationsstrategie vom Mars“, die sie nach zwei Ehen schon hinlänglich kannte, sondern die schleichende Veränderung in Andreas´ Verhalten von der Geselligkeit hin zur selbstgewählten Isolation. Solche Umbrüche im gewohnten Verhalten können ein Anzeichen für Ängste und Depressionen sein: Sie sollten Ihre Befürchtungen, Ihr Partner könnte vielleicht psychisch krank sein, also sehr ernst nehmen. Schließlich liefert Ihnen das Zusammenleben viele Indizien, um solche Verdachtsmomente zu entwickeln.










