Das Geheimnis der Runen (von Géza von Neményi)
Das Dunkel der Vergangenheit umhüllt für uns noch immer die Geheimnisse der Runen, jener magischen Zeichen, deren sich unsere Vorfahren für Weissagungen und Zauber bedienten. Wer aber zuweilen nach Skandinavien oder auch nur nach Schleswig reist, wird noch einzelne Runensteine in der Landschaft stehen sehen. Während die Runenforscher immer noch darüber streiten, woher denn die Runen vor etwa 2000 Jahren zu den Germanen gekommen waren, hat der Mythos dafür längst eine eindeutige Antwort: Der Gott Wodan (nordisch: Óðinn) fand sie während einer Initiation und durch den Gott Heimdall kam dieses Wissen auch an die Menschen. >Runen male ich, von den Ratern (Göttern) stammende< ritzte ein Priester Wodans in den schwedischen Runenstein von Stora Noleby (Västergötland) im 6. Jh. Aber was bedeutet das Wort „Rune“? Es ist mit unserem deutschen „Raunen“ (zuflüstern) verwandt und meint ursprünglich den geraunten, geflüsterten Zauberspruch, der mit dem Runenzeichen selbst verbunden war. Runen sind also mit Recht als Zauberzeichen zu bezeichnen.
Vor etwa 2000 Jahren bildete sich aus den älteren Kultzeichen der Bronze- und Steinzeit eine Reihe von 24 Zeichen heraus, die man die ältere oder gemeingermanische (weil sie allgemein bei allen Germanenstämmen verwendet wurde) Runenreihe nennt. Jedes dieser 24 Runenzeichen verkörpert einen Begriffswert (eigentlich eine ganze Begriffsgruppe), einen Lautwert und einen Zahlwert. Jede Rune trägt einen Namen, der ihren Begriffswert ausdrückt. Die 1. Rune der Reihe heißt z. B. *fehu, das bedeutet „Vieh, Fahrhabe, beweglicher Besitz“, sie trägt den Lautwert „f“ und als 1. Rune den Zahlwert 1.
Die Reihenfolge der Runen wird nach den Lautwerten ihrer ersten 6 Zeichen „fuþark“ genannt („þ“ ist der Buchstabe für das th). Mithilfe der Lautwerte überträgt man auch die einzelnen Runen. Die ältere Runenreihe, das „ältere Fuþark“, sieht so aus (oben die Runenzeichen, darunter die Buchstaben der Übertragung):
Das „e“ mit den Pünktchen ist der Zwischenlaut zwischen e und i, die drittletzte Rune hat den Lautwert ng. Die Rune für den Laut „j“ wurde ab etwa dem Jahre 650 zu einem A-Laut, die Rune mit dem Laut „z“ wurde schon im 5. Jh. zu einem R-Laut.
Die Runenreihe ist in drei Achtergruppen geteilt, die man Aettir (= Geschlechter, Achterreihen) nennt. Die Aettir sind Gottheiten zugeordnet, und zwar nach meiner Deutung die ersten acht Runen dem Gott Wodan (Óðinn), die nächsten acht dem Gott Donar (nordisch: Þórr) (nach diesem Gott ist auch unser Donnerstag benannt) und die letzten acht Runen gelten Tius (nordisch: Týr) (nach ihm ist der Dienstag benannt).
In der Zeit zwischen 650 und 800 wurde diese Runenreihe im Norden verkürzt, acht Runen fielen weg, weil man sie in der Sprache nicht mehr benötigte. Die anderen Runen gestaltete man zusätzlich etwas um; z. B. reduzierte man sie auf nur eine einzige senkrechte Linie, um sie auf Inschriften besser voneinander trennen zu können. Diese so entstandene Reihe ist die jüngere Runenreihe, auch „jungnordische Runenreihe“ oder „jüngeres Fuþorkh“ genannt. Auch sie wird in drei Aettir geteilt, die nun aber nicht mehr aus je acht Runen bestehen. So sehen diese Runen und ihre Übertragungsbuchstaben (Lautwerte) aus:
Jeder der jüngeren Runen entspricht von ihrem Namen und ihrer Bedeutung her einer Rune der älteren Reihe. Wenn man sich also mit den Runen der älteren Reihe befasst, lernt man auch gleichzeitig die jüngeren Runen kennen. Für die Weissagung ist die ältere Reihe allerdings besser geeignet, da sie ja mehr Zeichen umfasst, als die jüngere.
Die Runen sind eng mit der Mythologie und Religion der Germanen, dem „Heidentum“, verbunden. Viele Runen, vielleicht sogar alle, tragen Namen, die auf einzelne Gottheiten hinweisen. Der um 1050 geritzte Runenstein von Sanda (siehe Abbildung) z. B. trägt eine Runeninschrift im jüngeren Fuþorkh, die aus drei Namen besteht. Daneben sind mythische Bilder zu erkennen. Die drei Namen der Inschrift (Rodvisl, Farbjörn und Gunnbjörn) könnten drei Brüder oder Krieger sei, die gestorben sind. Im unteren Bildteil sieht man drei Personen in der Mitte, die man sowohl als diese drei Verstorbenen deutet, als auch gleichzeitig auf drei Hauptgötter, an ihren Attributen erkenntlich: Óðinn (mit Speer), Þórr (mit Keule oder Hammer) und Freyr (mit Sichel). Darüber ist in dem abgetrennten kleinen Bild in der Mitte ein Verstorbener zu sehen, der vor Óðinn (rechts, Attribut: Verschlungene Dreiecke) steht und den Speer hält, links sitzt die Göttin Frigg (Attribut: Schwan).
Uns soll hier nun auch besonders die Verwendung der Runen zur Weissagung interessieren. Grundsätzlich muss man Runenwerfen oder –losen unterscheiden von gewöhnlichen Orakeln etwa mit Karten. Denn richtig durchgeführtes Runenwerfen offenbart uns nach alter Überlieferung den Willen der Götter, während uns andere Orakelmethoden eher unser eigenes Unterbewusstsein entschlüsseln helfen.
Es gibt verschiedene Überlieferungen darüber, wie das Runenlosen ausgeführt wurde. Am bekanntesten ist der Römer Tacitus, der vor fast 2000 Jahren darüber eine Kurzbeschreibung in seiner „Germania“ gab:
>Das Verfahren beim Losen ist einfach. Sie schneiden von einem fruchttragenden Baum einen Zweig ab und zerteilen ihn in kleine Stücke; diese machen sie durch Zeichen kenntlich und streuen sie planlos und wie es der Zufall will auf ein weißes Laken. Dann betet bei einer öffentlichen Befragung der Stammespriester, bei einer privaten der Hausvater zu den Göttern, hebt, gen Himmel blickend, nacheinander drei Zweigstücke auf und deutet sie nach den vorher eingeritzten Zeichen. Lautet das Ergebnis ungünstig, so findet am gleichen Tage keine Befragung mehr über denselben Gegenstand statt; lautet es jedoch günstig, so muss es noch durch Vorzeichen bestätigt werden<.
Da jede Baumart Früchte trägt, ist hier nicht eine bestimme Baumart gemeint, sondern die Jahreszeit, in der die Loshölzchen geschnitten werden müssen: Im Herbst, wo die Bäume am meisten Kraft haben (künstliche Runensteine dagegen sind für das Runenlosen wertlos). Man hat auch Loshölzchen gefunden, es sind etwa 3 cm lange und ca. 1,5 cm breite Holzstäbchen, Kefli oder Kaweln genannt. Dass dazu gerne auch Buchenholz genommen wurde, erweist schon allein unser Wort „Buchstabe“ (eigentlich: „Buchenstab“) für ein Schriftzeichen. Desgleichen sind unsere Begriffe „Lesen“ (einen Text) und „Lesen“ (auflesen, aufheben) identisch: Der Runenwerfer liest (hebt) drei Stäbchen auf und liest (deutet) sie danach, wobei die drei Stäbchen mit den drei Schicksalsfrauen, den Nornen, in Verbindung stehen und also auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der zu erfragenden Angelegenheit bezogen werden sollten. Das Gebet ist zwar nicht erhalten, aber aus späterer Zeit ist ein Losgebet aus Finnland erhalten, das so beginnt:
>Zeit ist nun, das Los zu werfen,
Zeit, das Zeichen zu befragen.
Ich erbitt des Schöpfers Beistand,
fordre eine sichre Antwort...<
Wichtig ist auch, Dass die Götterbefragung mithilfe der Runen nur im Freien stattfinden darf. Die Runen auf den Runenstäbchen wurden mit eigenem Blut oder Opferblut, später roter Farbe (Krappwurzelsaft), eingefärbt. Die Runenzeichen durften nicht am Tage und nicht mit einem eisernen Messer eingeritzt werden, sondern dazu nahm man einen spitzen Stein, etwa ein Feuersteinstück.
Woher wissen wir nun, wie die einzelnen Runen heißen und welche Bedeutung sie haben? Darüber gibt es aus dem Mittelalter verschiedene Handschriften, in welchen die Runen erwähnt und teilweise auch ihre Bedeutung durch Merkverse überliefert wurde. Aus diesen mittelalterlichen Runennamen haben Runen- und Sprachforscher die ursprünglichen germanischen Runennamen erschlossen (daher mit einem * gekennzeichnet). Hier nun die Runen mit ihren Namen und einer Kurzbedeutung:
1. Aett (Wodans Runen):
f - *fehu (Vieh, Fahrhabe, beweglicher Besitz, Gold, Geld, geistiger Besitz, Gedanken, Himmel, Wodan),
u - *uruz (Urrind, Auerochse, weibliche Kraft, Stärke, Erde, Tür, Durchgang, Inneres, Frigg),
þ - *þorn (Dorn, Schlaf- und Todesdorn, Riese, materielle Kraft, Tod, Trennung, Fesselung),
a - *ansuz (Asengötter, Mund, Äußerung, Fluss, Mündung, Ahnen, Seelen, Befreiung),
r - *raido (Ritt, Straße, Weg, Reise, Ursprung, Wagen, Bewegung),
k - *kenaz (Krankheit, Geschwür, negatives Karma),
g - *gebo (Gabe, Opfergabe, Opferfest, Vermehrung, Geschenk, Treffen),
w - *wunjo (Wonne, Wohlbefinden, Wunschlosigkeit, Wunscherfüllung),
2. Aett (Donars Runen):
h - *hagla (Hagel, Zerstörung, Scheitern, jähes Verderben),
n - *naudiz (Not, Knechtschaft, Entbehrung, Notwende, Zwang),
i - *isaz (Eis, Erstarrung, tückisches Verderben droht, gefährlicher Weg, Kälte, Winter),
j - *jeran (Jahr, Stunde, gutes Erntejahr, gute Ernte, Sommer, Wechsel in die warme Zeit),
ë - *ëwaz (Eibe, Eibenbogen, verborgene Gegner, Feinde, Hinterhalt),
p - *perþo (Lebenslauf, Tod-Wiedergeburt, Göttin Perchta, Tanz, Spiel, Freude, Neubeginn),
z - *algiz (Elche, Alken, Schutzgötter von Haus und Heiligtum, Neuentstehen nach Untergang, Abwehr, Schutz),
s - *sowelo (Sonne, Sieg, Schutz),
3. Aett (Tius Runen):
t - *tiwaz (Götter, Gott Tius, Kriegsgott, Bewegung, Belebung, Aktivität, Kampf, Streit),
b - *bercanan (Birke, Birkenzweig, Fruchtbarkeit, Göttin Frova-Freyja, Liebe, Frau, Schönheit),
e - *ehwaz (Pferd, Ross, guter Begleiter, Helfer, Geisthelfer),
m - *mannaz (Mond, Mondgott Mannus-Heimdall, Menschen, Männer, Wissen, Wissenschaft),
l - *laguz (Wasser, See, Meer, Lache, Lagune, Luch, Quelle, Weisheit, Gedeihen, Leben),
ŋ - *ingwaz (der Gott Ing-Fro oder Freyr, Fruchtbarkeit, Frieden, Freien, Freude, Feuer, Sonnenfeuer),
d - *dagaz (der Gott Dag-Baldur, Tag, Licht als Segensspender, Reinheit, Erleuchtung, Sonne),
o - *oþala (Erbbesitz, Heimat, Zuhause, Erbe, Land, Adelsgut, Adel, Edel, fester Besitz).
Nun können wir die Runen nach der Abbildung der Reihe also auf Stäbchen ritzen und dann diese Stäbchen nach einem Gebet (Gebetsrichtung ist immer Norden) auf ein weißes Leinentuch werfen und deuten. Zuvor muss man natürlich seine Frage klar formuliert haben. Die drei Runen geben darauf die Antwort, und wenn man es richtig macht, kann dies auch ein Spruch der Götter sein. Bei wichtigen Angelegenheiten wurde übrigens früher ein Reimspruch aus den erlosten Runen gebildet. Davon kommt noch unser Wort „Stabreim“ für Alliteration. Kopfstehende Runen werden nicht anders gedeutet, als wenn sie richtig herum stehen.
Die Runen wurden und werden aber auch im Zauber verwendet. Ein Beispiel hierfür ist die Nordendorfer Spange, eine Gewandnadel aus dem 6. Jh., die in Bayern gefunden wurde (siehe Bild). Auf der unverzierten Rückseite der Spange ist eine Runeninschrift eingeritzt (siehe Ausschnittbild links):
Die Runen lauten: >loga þore wodan wigi þonar awa leubwinie<. Es gibt verschiedene Deutungen, am glaubwürdigsten ist wohl die folgende Übersetzung:
>Zauberer (sind) Wodan (und) Weihe-Donar. Glück (dem) Liebesfreund<.
Diese Spange hat also vielleicht ein Bursche einem Mädchen geschenkt, um sie so zu seiner Geliebten zu machen, jedenfalls Glück zu erwirken. Dazu hat er die beiden Götter Wodan und Donar angerufen. Donar ist auch der Gott der Weihe, mit seinem Hammerzeichen hat man Runeninschriften geweiht.
Die Runen stehen auch mit dem Jahreslauf und bestimmten magischen Zahlen in Verbindung. Zwar ist die Forschung auf diesem Gebiet noch nicht so weit, aber einzelne Beispiele sind schon entschlüsselt worden.
So tragen die Brakteaten (magische Schmuckanhänger in Größe einer großen Münze) von Vadstena und Motala (Östergötland) aus der 1. Hälfte des 6. Jh. je 32 Runen. 24 Runen davon sind einfach nur die Runen in ihrer üblichen Reihenfolge, doch steht davor noch ein Zauberwort, dessen Runen man wohl nach ihrem Begriffswert deuten muss. Die ganze linksläufige Inschrift (siehe Bild) lautet also: >luwatuwa : fuþarkgw : hnijëbRs : tbemlŋod<.
Wenn man nun zu jeder Rune ihren Zahlwert (also ihren Platz in der Reihenfolge, f=1, u=2, þ=3, a=4 usw.) notiert und addiert, kommt gerade die Zahl 366 (Tage des Schaltjahres) heraus. Das ist kein Zufall, sondern war offenbar berücksichtigt. Um diese Zahl zu bekommen, hat der Runenritzer extra in der Reihenfolge die p-Rune weggelassen und stattdessen die b-Rune gesetzt, so Dass diese also nun zweimal vorkommt. Hätte er die hier hingehörende p-Rune verwendet, wäre er nur auf den Zahlwert aller Runen von 362 gekommen. Es sind übrigens auch einige runische Verschlüsselungssysteme (Geheimrunen) erhalten, wo Runen durch Geheimzeichen ersetzt werden. Das geht bis hin zu „Klopfrunen“, also Runen, die geklopft werden und nur von Kundigen verstanden werden können.
Aus dem Spätmittelalter sind auch viele Kalenderstäbe mit Runen zur Berechnung der Mondphasen erhalten.
Die Runen sind ein weites Feld, und dieser Artikel kann nur einen kleinen Einblick in die Welt der Runen bieten. Wer sich dafür interessiert, den kann man nur auf die entsprechenden Bücher verweisen, z. B. mein Buch „Heilige Runen – Zauberzeichen des Nordens“ (Ullstein 2004).













