Erinnerungen an die Zukunft?
Stellen Sie sich vor, es gibt irgendwo auf der Welt eine Art Buch, das einzig und allein vor tausenden von Jahren nur für Sie geschrieben wurde; ein Buch, in dem Ihr Name steht und auch der Ihrer Eltern. Ein Buch, in dem Sie Ihr individuelles Schicksal wieder finden und das zudem viele wertvolle Botschaften für Sie enthält. Ein solches Buch soll es geben – und zwar für jene Menschen, die die beschwerliche Reise zu einer der über ganz Indien verstreuten Palmblatt-Bibliotheken auf sich nehmen. Es gibt etwa ein Dutzend Hauptbibliotheken und – salopp gesprochen - einige „Nebenstellen“.
Der Legende nach soll der Inder Bhirgu, auch bekannt als Vashista, vor ca. 5.000 Jahren damit begonnen haben, das Schicksal von rund 80.000 Menschen aufzuzeichnen. Er gilt damit als „Begründer“ der Palmblatt-Bibliotheken, von denen es auch einige wenige außerhalb Indiens gibt, so beispielsweise in Sri Lanka.
Ein Palmblatt-Buch besteht in der Regel aus zwei hölzernen Buchdeckeln, in denen etwa 20 bis 30 je etwa 30 Zentimeter lange Palmblätter aufbewahrt werden. Auf diesen Palmblättern stehen Texte zumeist in Pali, einer aus dem Vedischen hervorgegangenen und damit dem Sanskrit verwandten Sprache. Die Ur-Texte des Buddhismus wurden in dieser Sprache verfasst.
Es gilt als umstritten, ob Pali jemals eine gesprochene Sprache war; Sprachwissenschaftler stufen Pali heute mehrheitlich als reine Literatursprache ein. Das Lesen der uralten Sprache ist nur wenigen Priestern und Brahmanen (im indischen Kastensystem sind dies die Angehörigen der obersten Kaste) möglich. Geschrieben wurden die Bücher der mythologischen Überlieferung zufolge von einer siebenköpfigen Gruppe, die sich Rishis nannten und der auch der schon erwähnte Weise Bhirgu angehörte. Diesen heiligen Männern sprach man seherische Fähigkeiten zu und ihre Texte sollen sie – hier streiten sich die Gelehrten – entweder als göttliche Offenbarung „gehört“ oder durch einen Blick ins Weltgedächtnis empfangen haben.
Da Palmblätter nicht unbegrenzt haltbar sind, wurden sie etwa alle 700 Jahre „neu aufgelegt“, sprich abgeschrieben.


















