Dass der Thoth Tarot nach den Waite-Smith Karten das weltweit meistverkaufte Tarotdeck ist, verdankt es nicht nur dem leider noch immer kursierenden Aberglauben, Aleister Crowley (1875-1947) sei ein böser Schwarzmagier gewesen. Vielmehr sind es die eindrucksvollen Kartenbilder von Lady Frieda Harris, die dieses Deck so beliebt machen, und die dank der Umsetzung von Rudolph Steiners projektiver synthetischer Geometrie energetisch stark aufgeladen wurden.
In den Kriegsjahren 1937 bis 42 investierte die Künstlerin nach Vorgaben Crowleys sicher mindestens ebenso viel Zeit und Energie in die Überarbeitung der 78 Großen und Kleinen Arkana wie Crowley selbst. Umso erstaunlicher, dass die nun endlich veröffentlichte und langersehnte Neuauflage des Klassikers noch immer nicht ihren Namen neben den des Tarot-Visionärs setzt. Lediglich ORIGINAL Aleister Crowley® THOTH TAROT steht auf der imposanten und sehr exklusiv wirkenden Goldverpackung, die von einer dunkelblauen Banderolle geschmückt wird. Ein Tarotspiel als „registered trademark“: klarer Hinweis, dass diese Auflage die Ansichten der spirituellen Organisation O.T.O. (Ordo Templi Orientis) widerspiegelt. Ihr nämlich stand Aleister Crowley bis zu seinem Tode vor und sie sieht sich heute als alleinige Vertretung seines Erbes.
Dies wird schnell deutlich, wenn man das Vorwort Hymenaeus Betas, derzeitiger Vorsitzender des O.T.O., im beiliegenden Einführungsheftchen liest. Einerseits enthält es viele neue und für Crowley-Harris Fans spannende Info-Happen, wie z.B. die bisher nicht wirklich erforschbaren Geburtsdaten von Frieda Harris oder bislang unveröffentlichte Details aus dem Briefwechsel beider Karten-Schöpfer während der Entstehungszeit des Decks. Andererseits konnte ich mich beim Lesen der Empfindung nicht erwehren, dass hier tendenziell der kreative Beitrag Harris’ stark geschmälert und ihre Person in ein recht unbefriedigendes Licht gerückt werden soll, um ganz alleine Crowleys Leistung und besonders seinen Werkanspruch in den Vordergrund zu stellen. Doch rein gar nichts rüttelt an der Tatsache, dass diese Ausgabe ihren Mehrwert gerade aufgrund der digitalen Neubearbeitung von Harris’ Bildern erhält, weshalb ich persönlich diese Vorgehensweise auch für fragwürdig halte.
Doch kommen wir nun zu der Neuauflage der Bilder Frieda Harris’, denn sie ist sozusagen das Highlight der vorliegen Deck-Ausgabe. Die auf Gouache gemalten Originale dieser Kunstwerke befinden sich im Londoner Warburg Institute (http://warburg.sas.ac.uk). Bisher wurden die Gemälde drei Mal abgelichtet und jeweils für die Ausgaben von Llewellyn Publications (1971), Samuel Weiser (1978) und AG Müller (1986) verwendet, die alle sehr unterschiedliche Farbgebungen aufweisen.
Laut O.T.O. wurde dennoch keine Version den Originalen gerecht. 2004 entschied sich der O.T.O. daher für eine weitere Abfotografierung und für eine akribische digitale Neubearbeitung. Auch das Format der Karten wurde nun den Proportionen der Originale angepasst. Dies lässt sich besonders gut auf der überarbeiteten Rückseite des Decks erkennen. Das beeindruckend ausgestaltete Rosenkreuz wurde entzerrt (besonders gut an der nun runden Rose zu erkennen), der weiße Rand wurde entfernt und die in Gold gesetzten Symbole kommen nun besser zur Geltung.

















