Wahrsagekarten sind nicht immer, was sie scheinen. Das trifft auch auf ihre Erfinder zu, oder auf jene, die wir dafür halten. Um die ganze Wahrheit ans Licht zu holen und das Geheimnis ihrer Herkunft zu lüften, bräuchte man beinahe schon eine gut polierte Glaskugel. Auch im Fall der berühmt-berüchtigten Marie Anne Adeláide Lenormand, die unter dem Künstlernamen „Sybille von Paris“ eine schillernde Persönlichkeit in Sachen Wahrsagen und Kartenlegen war, werden Fragen aufgeworfen. Denn noch heute wird sie gerne als Schöpferin der Karten gesehen.
Doch kamen bei ihren Legungen die heute 36 Karten in dieser Form niemals auf den Tisch. Vielmehr wird vermutet, dass sie sich bei ihrer Arbeit auf Tarotkarten und ein Deck von Jean Francois Alliette -dem Pionier der Tarotforschung- namens „Petit Etteilla“ bezog. Tatsächlich war die am 27. Mai 1772 in Alençon geborene Französin nur die Namensgeberin dieses Klassikers der Kartenlegekunst.
Aus 54 mach 36
1843 verstarb Mlle. Lenormand ohne der Nachwelt ein eigenes Kartendeck hinterlassen zu haben. Aber die Not macht bekanntlich erfinderisch. Findige Verleger nutzten die Gunst der Stunde und machten sich die prominente magische Aura von Mlle. Lenormand, die u. a. auch am Hofe Napoleons treffsicher in die Zukunft sah, zwei Jahre nach ihrem Tod zunutze. 1845 erschien das „Grand jeu de Mlle Lenormand“, das zusammen mit einer Astro-Mythologischen Kollektion von fünf Büchern veröffentlicht wurde. Kartenlegen war zu jener Zeit eine Modeerscheinung, beinahe jeder wollte daran teilhaben, wenn es um den „Wink des Schicksals“ ging. Um das Lenormanddeck so publikumsfreundlich wie möglich zu gestalten, vereinfachte man es mit der Zeit und zog es enger zusammen. Fünf Jahre nach Erscheinung des „großen Blattes“, wurde 1850 das „Petit Lenormand“ mit nur noch 36 Karten veröffentlicht – genau so, wie wir das Deck heute kennen.
Zur Bedeutung der Lenormandkarten
Ähnlich den Kipperkarten handelt es sich auch beim Lenormanddeck um keine typischen Tarotkarten. Denn dafür steigen sie nicht tief genug in die Abgründe menschlicher Psyche hinab. Vielmehr zählen auch die Lenormandkarten zu den bodenständigen Kartendecks, die den nackten Alltag des Fragenden ins Zentrum rücken. Das normale Leben stellt in der Regel auch gewöhnliche Fragen, die aber oft nach schnellen Antworten suchen. Mit den Lenormandkarten lassen sich konkrete Antworten zügig finden. Entweder im Hier und Jetzt, oder man beäugt Ereignisse, die bis zu sechs Monate in unmittelbarer Zukunft liegen können. Alle Bilder der 36 Karten sind im Stile der Biedermeier-Epoche von jeder Menge idealisierter Landschaftsmalerei und der Grundstimmung geprägt, weltlichem Kummer einen wohligen Rückzugsort zu bescheren. Die Alltagssymbole sprechen eine naturverliebte Sprache und greifen insbesondere auf tierische und pflanzliche Eigenschaften sowie andere archetypische himmlische Phänomene zurück.
Einfache Symbolik, einfaches Deck?
Jedes Kartendeck hat seine Vorzüge, Stärken und Schwächen, genauso wie die Menschen, die die Verantwortung übernehmen, damit umzugehen. Doch allein eine einfach gehaltene Bildsprache, garantiert noch keinen leichten Zugang. Die Tücken liegen auch hier im Detail und zeigen sich u. a. abhängig von den interpretatorischen Fähigkeiten des Kartenlegers. Gibt es bei den Kipperkarten noch eine Vielzahl von Haupt- und Nebenpersonen, die gerade Einsteigern oft den klaren Durchblick in Beziehungskonstellationen versperren, kommen die Lenormandkarten mit gerade einmal vier Hauptpersonen aus. Das macht es aber nicht unbedingt leichter. Manchmal ist es umso schwieriger, aus unklareren Symbolen, eine Antwort individuell, fassbar und lebendig zu transportieren. Auch für die Lenormandkarten braucht es ein ausgeprägtes interpretatorisches Verständnis, eine intuitive Begabung sowie ein breitgefächertes esoterisches Allgemeinwissen, um die tiefer liegenden Schichten und Sinngehalte des Fragestellers erfolgreich zu entschlüsseln.
Zum Wesen der 36 Lenormandkarten
Jede einzelne Karte erfüllt ihre Pflicht auf ihre Weise, weist uns zum Beispiel auf Glück oder Unglück, Stabilität oder Neuanfang hin. Im Folgenden zeigen wir Ihnen, was jede einzelne Karte über sich selbst sagt und was sie zum Ausdruck bringt. Hierfür geben wir ein Kombinationsbeispiel an die Hand, das als kleine Interpretationshilfe dient und zeigt, auf welche Weise Sie die Karten miteinander in Beziehung setzen können. Bitte beachten Sie aber dabei: Alle umliegenden Nachbarschaftskarten müssen in die Deutung einer Legung miteinbezogen werden, um ein sinniges Gesamtverständnis zu entwickeln.

















